Netzwerk Aids, Kinder und Familie zum Welt-Aids-Tag 2014: Ausgrenzung von HIV-positiven Frauen und Familien stoppen

26. November 2014

Die seit mehr als 30 Jahren in Deutschland bewährte Aufklärungsarbeit und Selbsthilfe durch Aidshilfen sowie andere Organisationen für Menschen, die von HIV und Aids betroffen sind, greift für Frauen längst nicht in dem Maße wie bei Männern. Bis heute ist die Lebenssituation vieler Frauen mit HIV und Aids äußerst kompliziert und belastend. Das gilt besonders für alleinerziehende Mütter. Infizierte Frauen, aber auch Familien, die durch HIV und Aids immer als Ganzes betroffen sind, bleiben häufig auf sich allein gestellt, werden im Kindergarten, in der Schule, im beruflichen Umfeld, durch unzureichend informiertes Medizinpersonal, selbst von Ärzten stigmatisiert, angefeindet und ausgegrenzt – obwohl die Infektionsgefahr mittlerweile mit einer lückenlosen Therapie gebannt werden kann.

Auf diese in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen spezifischen Problemlagen von Frauen und Familien macht die Landeskoordination des Netzwerks „Aids, Kinder und Familie“ der Niedersächsischen AIDS-Hilfe (NAH), Ingrid Mumm, zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember 2014 aufmerksam. Das diesjährige Motto „Positiv zusammen leben“ ist für viele Frauen und Familien eine ferne Wunschvorstellung. „Nach eineinhalb Jahren intensiver Erfahrung mit dem NAH-Projekt bin ich erschüttert über das Ausmaß an Ignoranz, Vorurteilen, Stigmatisierung und Ausgrenzung, aber auch an diffusen Ängsten, denen HIV-positive Mütter und Familien in besonderem Maß ausgesetzt sind“, sagt Mumm, die seit September 2013 das Selbsthilfe-Netzwerk für Kinder und Familien in Niedersachsen aufbaut.

„Stigma-Index“ bestätigt vielfältige Diskriminierung von Frauen mit HIV
Die Eindrücke, die die Projektkoordinatorin gewonnen hat, sind kein Phänomen, das auf subjektive Beobachtungen zurückzuführen oder typisch für Niedersachsen ist. Bereits im August 2012 hat die Deutsche AIDS-Hilfe die Ergebnisse des Peer-Forschungsprojekts „positive stimmen – der PLHIV Stigma Index in Deutschland“ veröffentlicht, die auf 1.148 Interviews mit HIV-Positiven in allen Regionen Deutschlands beruhen. Damit wurden rund zwei Prozent der in Deutschland lebenden HIV-Infizierten erreicht. Die erstmals mit dem Stigma-Index gewonnenen frauenspezifischen Erkenntnisse bestätigen die in Niedersachsen gesammelten Erfahrungen: Viele Frauen berichten über negative Ereignisse im Zusammenhang mit der Reproduktions-Medizin, mit Sterilisation, Abtreibung etc. Einem Viertel der Frauen wurden Gesundheitsleistungen wie eine Zahn- behandlung verweigert. Fast 45 Prozent der Frauen klagen über Diskriminierung und Stigmatisierung im sozialen Umfeld auf Grund ihrer HIV-Infektion - darunter Tratsch, Beleidigungen und tätliche Angriffe. Über 40 Prozent haben wegen ihrer HIV-Infektion Angst vor sexueller Zurückweisung. Lediglich 30 Prozent der befragten Frauen berichten über aktuelle sexuelle Kontakte. Im Jahr vor der Erhebung (2010) haben sechs Prozent der erwerbstätigen Frauen eine Einkommensquelle auf Grund von Diskriminierung im Zusammenhang mit HIV verloren. Dagegen leiden Frauen, die in Selbsthilfegruppen eingebunden sind und sich im HIV-Bereich engagieren, weniger unter negativen Gefühlen im Zusammenhang mit ihrer Infektion.

Bittere Erfahrungen – Probleme von HIV-positiven Frauen beginnen mit Kinderwunsch
Nach Mumms Beobachtung beginnen die Schwierigkeiten oft mit dem Kinderwunsch der Frauen. Für sie ist eine adäquate Beratung von großer Wichtigkeit. Bei positiv getesteten Kindern ist die medikamentöse Behandlung ebenso problematisch wie eine zufriedenstellende Einbindung in ihre soziale Umgebung. Unzureichende Aufklärung führt oftmals zu Berührungsängsten oder Ausgrenzungen. Während der Pubertät erschweren zusätzliche entwicklungsbedingte Selbstzweifel den Umgang mit der Therapie. Es besteht ein hoher Bedarf für eine zielgerichtete Unterstützung von Kindern und Jugendlichen, die als Geschwister- oder Einzelkinder, mit mindestens einem betroffenen Elternteil, in eine familiäre Randposition geraten, in der sie mehr Verantwortung übernehmen müssen, als für ihre Entwicklung gut ist. „Ich kann Problemlösungen in vielen Bereichen des psychosozialen Lebens anbieten. Das nützt aber alles nichts gegen die Vorurteile und die Stigmatisierung durch Mitmenschen, die sich nicht mit den Fakten auseinandersetzen“, betont Mumm. Sie fordert, die vielschichtige Problemdimension von Frauen, deren Partner/innen und Kindern nicht weiter zu ignorieren. Sie müssten ebenso vor Stigmatisierung und Diskriminierung geschützt werden wie alle anderen HIV-Positiven und chronisch Kranke – auch wenn die Anzahl der positiven Frauen und die der Kinder, die mit HIV geboren werden, relativ niedrig sind. Nach aktueller Hochrechnung des Robert-Koch-Instituts leben in Niedersachsen 4.400 Menschen mit einer HIV-Infektion, darunter sind 3.400 Männer, 970 Frauen und 30 Kinder. Jedes Jahr wird in Deutschland bei etwa zehn Kindern eine HIV-Infektion neu diagnostiziert.

Kontakt
Ingrid Mumm, Landeskoordination „Aids, Kinder und Familie“
Nds. AIDS-Hilfe Landesverband e.V. (NAH)
Telefon: 05 11 / 306 87 87 mobil: 0176 – 50 94 16 21
Email: mumm@niedersachsen.aidshilfe.de
http://niedersachsen.aidshilfe.de/content/aids-kinder-und-familie

Spendenkonto
Niedersächsische AIDS-Hilfe Konto „Kinder & HIV“
IBAN: DE35251205100007410608 BIC: BFSWDE33HAN (Hannover)
Bank: Bank für Sozialwirtschaft