30 Jahre Aidshilfe Niedersachsen: Verlässlich, vertraulich, kompetent und innovativ

17. November 2017

Das Logo zum Jubiläum.
Das Logo zum Jubiläum.

Der Landesverband Aidshilfe Niedersachsen e.V. hat in den vergangenen drei Jahrzehnten gemeinsam mit seinen 17 Mitgliedsorganisationen, mit zahlreichen Ehrenamtlichen und durch strategische Partnerschaften mit Politik, Wirtschaft und Wissenschaft viel erreicht: Menschen mit HIV und Aids können heute ein offeneres „positives“ Leben führen als im Gründungsjahr 1987. Innovative Aktionen, große und kleine Projekte sowie das kontinuierliche Wirken der AHN in der Öffentlichkeit und „hinter den Kulissen“ haben in Niedersachsen eine starke Selbsthilfe geformt, die sich unermüdlich für eine umfassende Gesundheitsprävention und für ein angstfreies, selbstbestimmtes Leben von Menschen mit HIV und Aids einsetzt. Am Donnerstag feierte der Dachverband der niedersächsischen Aidshilfen im Alten Rathaus von Hannover Jubiläum mit zahlreichen Gästen und Unterstützer*innen.
„Mehr als 35 Jahre nach den ersten Aids-Erkrankungen bleibt es nach wie vor eine wichtige Aufgabe, ein realistisches Bild des Lebens mit HIV zu vermitteln. Auch gilt es nach wie vor, gegen Vorurteile und Unwissen, gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung und für Solidarität mit den Menschen mit HIV und Aids einzutreten. Bei diesem Thema steht die Landesregierung eng an der Seite der Aidshilfe Niedersachsen“, versicherte Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt in ihrem Grußwort. Die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Niedersachsen e.V., Birgit Eckhardt, zollte der AHN hohen Respekt: „Neben der Unterstützung der Menschen mit HIV und Aids arbeitet die Aidshilfe auch engagiert und ungebrochen motiviert an Präventions-und Aufklärungskampagnen. Diese Arbeit in Ihrer Gesamtheit sowie das Einschreiten gegen Stigmatisierung und Diskriminierung HIV-positiver Menschen zeichnen die Aidshilfe Niedersachsen seit 30 Jahren aus."

Leuchttürme mit bundesweiter Strahlkraft
Die AHN hat in drei Jahrzehnten viel bewegt, landes- und bundesweit Anstöße gegeben: Mit der Umfrage des Facharbeitskreises „Betreuung & ambulante Pflege“ leistete der Dachverband 2004 einen wichtigen Beitrag zur Erweiterung des Arzneimittelkatalogs im Rahmen der damals gerade in Kraft getretenen Gesundheitsreform. Als Meilenstein gilt auch das Modellprojekt „Aids und Arbeit“, das im Jahre 2007 zur Aufklärung über Beschäftigungsmöglichkeiten für HIV-Infizierte am Arbeitsmarkt installiert wurde. In Niedersachsen wurden rund 100 Fallmanager*innen aus Jobcentern und von kommunalen Trägern für die Vermittlung von Menschen mit HIV in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeitweitergebildet. 2009 und 2011 setzte die AHN mit dem Projekt „Lebensbahn“ zunächst in Braunschweig und dann in Hannover ein sichtbares Zeichen im Stadtbild, um Menschen mit HIV und Aids zu stärken und Nichtinfizierte für einen „gesunden“ Umgang mit Betroffenen und für Prävention zu sensibilisieren: Eine Straßenbahn wurde künstlerisch mit Portraits, Vornamen und Wohnorten positiver Frauen und Männer aus Niedersachsen gestaltet. Mit „SVeN – schwule Vielfalt erregt Niedersachsen“ – startete 2013 die Weiterentwicklung der bis dahin landesweiten Initiative des Landesverbandes „hin und wech“ (huw).

Jean-Luc Tissot – Ehrung für 20 Jahre Engagement
Das Motto der AHN lautet: Gelingende Prävention muss sich immer wieder selbst kritisch in Frage stellen, die Ziele überprüfen und sich notfalls komplett neu erfinden. Wie kaum ein anderer Selbsthilfeaktivist lebt der Braunschweiger Künstler Jean-Luc Tissot dieses Leitbild. Der gebürtige Schweizer erhielt 1987 sein positives HIV-Testergebnis. Seither hat er sich der Aufgabe verschrieben, Aids ein Gesicht zu geben, als offen schwul lebender Mann junge Menschen über den Umgang mit Sexualität und Safer Sex aufzuklären und unermüdlich gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung zu kämpfen. Seit 1992 hat Tissot die Aids-Selbsthilfe zunächst in Braunschweig, später auch landes- und bundesweit mit immer neuen Impulsen befruchtet. Von den 30 Jahren der AHN leitet Tissot seit über 20 Jahren als aktives Vorstandsmitglied den Landesverband, für den er noch weitere zwei Jahre tätig sein will. Mit einer Fotocollage würdigte die AHN am Donnerstag die Verdienste Tissots. „Wir müssen immer wieder an den Rändern kratzen, um zu schauen, ob wir nicht doch noch ein wenig weiter gehen und damit deutlichere Veränderungen in der Gesellschaft bewirken können“, lautet seine Maxime.

Antworten auf neue Herausforderungen
Diese hat sich die AHN längst zu eigen gemacht, um Antworten auf neue Herausforderungen zu finden: Davon zeugen aktuelle Programme wie „Aids, Kinder und Familien“, „Positive Kids“ oder „Interkulturelle Gesundheitstage“ für Flüchtlings- und Migrantenfamilien in den einzelnen Regionen des Landes. Im April 2017 starteten die niedersächsischen Aidshilfen mit dem Paritätischen Niedersachsen und dem niedersächsischen Flüchtlingsrat eine landesweite mehrsprachige Präventionskampagne für Geflüchtete. Die Aidshilfen verfügen nun über eine Grundausstattung von Materialien in Arabisch, Farsi, Englisch und Französisch sowie eine mehrsprachige Website (www.niedersachsen.aidshilfe.de/refugees). Im Mai 2017 gründete sich der landesweite Arbeitskreis „Flucht & Migration“. Bundesweit einmalig bewerben die niedersächsischen Aidshilfen außerdem sogenannte Frauenkondome. Die „Female Condoms“ sollen Bestandteil der Präventionsarbeit werden. Eine kleine Sensation sind die internationale Verflechtung und der mehrjährige medizinische Austausch, die der Aidshilfe Niedersachsen als einzige bundesweit mit dem „Eastern Cape Aids Council“ in Südafrika gelungen ist.
Aidshilfe – kein Ende in Sicht? „Nach wie vor sind die Antidiskriminierungsarbeit und das Eintreten für die Lebensstilakzeptanz unserer Zielgruppen unsere wichtigsten Aufgaben. Und hier sind wir noch lange nicht am Ziel. Die Basis für unsere Arbeit bleibt daher auch nach 30 Jahren unser Grundsatz: verlässlich, vertraulich, kompetent“, bekräftigt der ehrenamtliche AHN-Landesvorstand. Diesem gehören neben Jean-Luc Tissot der Mediziner Prof. Dr. Matthias Stoll (Infektologie, Medizinische Hochschule Hannover) sowie der Finanzbeamte und Jurist Karsten Pilz (Leiter Steuerakademie Niedersachsen) an. Die medizinische, gesellschaftliche und politische Situation für Menschen mit HIV-Infektion habe sich in Deutschland deutlich verbessert. „Dennoch bleibt die Arbeit der Aidshilfen auch nach 30 Jahren weiterhin notwendig“, unterstrich Stoll in seiner Festrede.

Infektionsraten steigen – Präventionsbewusstsein sinkt
Nach Schätzungen des Robert Koch Instituts leben aktuell mehr als 80.000 Menschen mit HIV in Deutschland (davon etwa 4.100 in Niedersachsen). Das sind mehr als doppelt so viele wie in den 1990-er Jahren. Die Zahl der jährlichen Neudiagnosen ist in den Jahren 2006 bis 2016 von 1.500 auf über 3.500 gestiegen (Niedersachsen: auf etwa 210). In jüngster Zeit wird zudem ein sprunghafter Anstieg von Sexuell übertragbaren Infektionen (STI) registiriert. Warum nehmen die Infektionen zu? In den mittlerweile stark diversifizierenden Zielgruppen und in der gesamten Bevölkerung wird eine Infektion mit HIV zunehmend unterschätzt. Hinzu kommen Zuwanderungseffekte, aber auch ein geändertes Präventionsbewusstsein durch die vorbeugende Medikamenteneinnahme (PrEP). Gleichzeitig geht der Kondomgebrauch zurück. Die Resistenz der STI-Erreger steigt. AHN-Vorstand Stoll fordert in diesem Zusammenhang die Einführung von standardisierten Testprogrammen für STI, Hepatitis, HIV etc. Bisher gibt es dafür keine Strukturen im öffentlichen Gesundheitssystem, die Krankenkassen lehnen die Kostenübernahme ab, beklagt der Mediziner.

Medienkontakt
Imke Schmieta, Geschäftsführung
Aidshilfe Niedersachsen Landesverband e.V. (AHN)
Schuhstraße 4, 30159 Hannover
Fon 0511 13 22 12 – 01, info@niedersachsen.aidshilfe.de
www.niedersachsen.aidshilfe.de

Spenden für HIV-Prävention in Niedersachsen
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN:  DE57 2512 0510 0007 4106 00
BIC:    BFSWDE33HAN

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